50 Jahre Gipfelstürmer 1911-1961

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Zum Geleit
von Hubert Niederegger

Wenn wir am Gipfel stehn,
voll Freud und Glück,
ist wohl immer ein Augenblick,
der kehrt hinab, zurück,
wo der Weg begann.

Liebe Freunde, die Ihr dieses kleine Büchlein über unseren Klub lesen werdet, seid eingeladen, vom Gipfel unseres 50jährigen Bestehens gemeinsam mit uns zurückzuschauen auf das Schicksal einer kleinen Gruppe von Bergsteigern, die die Sehnsucht nach den wunderlichen Erlebnissen in den Felsen und Gletschern zu großen Leistungen angespornt hat, sie zu Freunden und Helfern werden ließ und ihnen das brachte, nach dem so viele Menschen vergeblich suchen: Geselligkeit, Heiterkeit, Gesundheit und G l ü c k.

Wenn wir am Gipfel stehn,
voll Freud und Glück,
ist wohl immer ein Augenblick,
der schwebt hinaus zu neuen Zielen,
die geheimnisvoll in weiter Ferne liegen.

Die Nordwand des Pflerscher Tribulauns
von Konrad Schuster

Pflerscher TribulaunSchon vor dem ersten Weltkrieg umwarben Mitglieder unserer Gesellschaft mit viel Erfolg die Tribulaungruppe. Obernberger-Tribulaun-Nordwand, Schwarzwand-Ostwand, Roßlaufspitze-Westwand, Gschnitzer-Tribulaun West- und Südwand sowie Mühlsteigerturm-Südwand wurden erstmals durchklettert. Mit dem Verlust Südtirols war dann die Südseite für uns gesperrt. Nun aber fielen die Riesenschlucht durch die Westwand des Gschnitzer Tribulauns, die direkte Nordwand des Pflerscher Tribulauns, die Goldkappl Nord- und Ostwand sowie die mauergleiche Nordwestwand des Pflerscher und nach dem Kriege noch die direkte Südwand desselben Berges.

Ich möchte in diesem Rahmen von einer Bergfahrt auf den König der Gruppe erzählen, von der ersten Ersteigung der direkten Nordwand des Pflerscher Tribulauns. Bei einer Erkundungsfahrt waren wir auf das Sandesjoch aufgestiegen, um den Gipfel auf dem Normalweg zu erreichen, als wir von der italienischen Tribulaunhütte aus beschossen wurden. Ein Betreten der Südseite war verboten, aber wir kamen wieder.

Es war im Juni 1921. Wir errichteten uns aus Latschenzweigen ein Lager auf der Ochsenhütte im Sandestal. Es war noch viel zu früh im Jahr und die Nordwand, der unser Sehnen galt, hatte noch viel Schnee. Nur in der Gipfelfallinie zeigte sich halbwegs trockener Fels. In der Nacht kamen zwei weitere Bergsteiger, so dass es sehr eng wurde und wir froh waren, als die Eiskuppe des Habichts im Sonnenlicht aufleuchtete. Wir stiegen zwei Stunden hinauf zu jenem Pfeiler, den die Nordwand am weitesten ins Sandestal sendet. Bei einem kleinen Schuttband rechts dieses Pfeilers konnten wir im steilen Schnee nur mit größter Vorsicht unsere Schuhe wechseln. Die linke Wandhälfte war wegen ihrer Schneeauflage abzuschreiben, deshalb wollten wir es direkt in der Gipfelfallinie versuchen. Mit den Vorbereitungen verging eine Stunde und erst um 8 Uhr stiegen wir rechts vom Kamin zwischen Pfeiler und Hauptwand ein. Im Kamin selbst müssen wir dann durch einen Wasserfall und erreichen später eine Kanzel rechts des Kamins. Plattig ist das Gestein und die Kälte macht uns viel zu schaffen. Links des Kamins steigen wir dann in den Wänden des Pfeilers höher. Immer schwerer wird es und weit droben sehen wir einen die ganze Wand durchziehenden Überhang. Nach hartem Kampf erreichen wir den Pfeilerkopf, queren den Kamin und gewinnen rechts ein Schuttband. Dann aber sind wir am Ende unserer Weisheit. Hier war ein großer Felssturz und höhnisch leuchtet über uns die große gelbweiße Bruchfläche. Umkehren? Da sehen wir rechts an der Kante des Bruches einen ganz feinen Riss. Sehr schwer ist es für den ersten, aber der Weiterweg ist gesichert. Ein versteckter, furchtbar brüchiger Kamin führt auf den Kopf des Turmes, auf dem wir das Gefühl haben, jeden Augenblick mit ihm in die Tiefe zu stürzen. Langsam, sehr langsam kommen wir der Kaminkante wieder näher, eine Beiwacht scheint unausbleiblich. Schräg rechts erreichen wir einen Absatz. Der Weiterweg ist noch kritischer als das Vorangegangene. Eine glatte, plattige Wand, durch die nur ein handbreiter Riss führt, erfordert vollen Einsatz. Nach 20 Meter schlägt der erste einen Haken und mit Seilzug queren wir nach links in einen Kamin, der auf einem Turm endet. Rechts hochkletternd, gelangen wir zu einem frei stehenden Felsblock, welcher die erste natürliche Sicherungsmöglichkeit bietet. Die darauf folgende, ungemein brüchige Wandpartie wird, äußerst schwierig, in geradem Durchstieg genommen. Eine schmale, abschüssige Leiste bringt uns nach links, wo wir, weiterquerend, den Felskopf, der den Riesenkamin oben verschließt, erreichen. Wir seilen uns 10 Meter ab und gelangen mit Mühe zu einem Block am Beginn einer Traverse.

Hier durchnässt uns ein Sturzbach aus den darüber liegenden Felspartien und die Kälte macht sich auch sofort unangenehm bemerkbar. Sehnsüchtig schauen wir hinüber zum Felskopf, welcher nur 25 Meter von uns entfernt in der Sonne liegt. Doch es vergeht eine volle Stunde, bis wir dort drüben zur wohlverdienten Rast im warmen Schutt liegen. Es ist 4 Uhr nachmittags. Die Ungewissheit drängt uns weiter. Das Sandesjoch liegt schon unter uns und wir glauben schon, leichteres Gelände erreicht zu haben, als sich uns ein neues Hindernis, eine 40 Meter hohe Plattentafel, in den Weg stellt. Doch wir kommen Seillänge um Seillänge aufwärts, durchsteigen Schneefelder, queren Felsrippen, und nur die Rufe: “Seil ein, nachkommen!” durchschneiden die Stille. Durch einen Felstunnel erreichen wir nun einen Turm und damit liegt der Weg zum Gipfel offen. Noch einmal wird es schwer, aber dann drücken wir uns beim Steinmann kräftig die Hand, ist doch ein jahrelanger Wunsch in Erfüllung gegangen. Schon ist es dämmerig, aus dem Westen kommt eine Wolkenmasse. Nur noch der Rosengarten leuchtet dort unten im verbotenen Land. Wir wechseln die Schuhe und steigen hinab, wo gleich der Nebel alles unter seine graue Kappe nimmt. Mit ihm kommt auch schon die Nacht. Biwakieren können wir mit unseren nassen Kleidern nicht, wir müssen uns in Bewegung halten. Vorsichtig durchklettern wir die eiserfüllte Südrinne, queren Schneehänge und gelangen glücklich zum Sandesjoch. Unbarmherzig hängt der Nebel über der steilen Rinne, dennoch sehen wir manchmal blankes Eis durchschimmern. Mit unserem kurzen Eispickel schlägt der jeweils erste Stufen, denn unheimlich steil und glatt schießt der Hang ins Bodenlose. Steine sausen durch die Rinne und unsere müden Finger können das schwere, nasse Seil kaum noch halten. Endlich, nach zwei Stunden, wird die Steilheit geringer, und drei müde Gestalten stolpern dem Tale zu. Um 11 Uhr liegen wir dann wieder in unseren Latschen und der Sandesbach singt sein Schlummerlied.

TribulaunTage
von Toni Braun

Pflerscher Tribulaun SüdwandWerbung um eine Wand. Es war im Februar des Jahres 1950. Sehr ruhig war es in jenen Jahren noch auf allen Wegen. Einige Holzgaswagen, Fuhrwerke und Fahrräder rollten damals über die Brennerstraße, über die in den heutigen Tagen der hektische Zug der modernen Völkerwanderung strömt. Aber auch in den Nachkriegsjahren brauste der Föhn und erweckte in uns das große Wander- und Fernweh. Mit Fahrrad, Schi, Seil und Eisenzeug zogen wir über den Schönberg. Es war die reine Torheit bei diesem Wetter und zu dieser Jahreszeit, aber Vernunft wird eben bei Neunzehnjährigen nicht gerade groß geschrieben, und schon gar nicht zu einer Zeit, wo die dunklen Wälder unter dem warmen Wind raunen, wo das Eis bricht und die Wasser über braune Hänge murmeln.

Wir stehen mit unseren schwerbepackten Rädern am Eingang zum Sandestal und schauen sehnsüchtig nach Süden. Gleichmäßig rinnt der Regen vom Himmel und begräbt lind und kühl unsere Kletterhoffnungen. Dort hinten musste irgendwo der Pflerscher Tribulaun stehen mit seinem noch unbegangenen Südabsturz. Noch kannten wir die Wand nicht, hatten sie nie gesehen, aber sie musste wohl gewaltig sein, schlank, hoch und unnahbar, gleich einer riesigen Burg.

Frühling. Es war ein Maientag von Gottes Gnaden. Ein Tag voll Heiterkeit und Übermut, voll Schauen und Träumen. Oft bin ich dann später noch hineingewandert ins Pflerscher Tal, aber mir ist, als wäre es immer nur dieser eine Tag gewesen, immer wieder nur dieser eine vollkommene Frühlingstag, zu dem Anton Dvoraks Humoreske Pate stand. Wir brachten dieses Lied heute nicht aus dem Kopf. “Eine kleine Frühlingsweise” hämmerten schon die Eisenbahnräder, dann die Bergwasser, der Sommerwind in den blumigen Wiesen, am Himmel einige helle, warme Wolken und dann – Pflersch! Ein winziges Bergdorf am Fuße steiler Bergwiesen. Pflersch! – “Eine kleine Frühlingsweise”.

Die Karabinieri ließen uns mit Wein ziemlich vollaufen, ehe sie uns den Schlüssel zur Hütte gaben, dann wünschten sie uns mit unseren Rucksäcken “Buon Divertimento”. Die Welt war rosig und der Weg steil. Wir kommen um eine Wegbiegung und langsam wächst dort drüben heller gelbgrauer Fels heraus, wild und schauerlich, mit Dächern und riesigen Bruchflächen. Wir stehen im Kar und fühlen uns klein und erbärmlich, denn dieses Chaos sich türmender Felsen ist hoffnungslos niederdrückend. Am anderen Morgen regnet es. Als ich die Hüttentüre öffne, steht dort drüben wieder unser Berg, trutzig und fest. Ein himmelhoher schlanker Turm aus regendunklem Gefels.

Erfüllung. Ein Jahr verging, und wieder lag noch sehr viel Schnee in den Bergen. Der Wind orgelte in den uns nun schon vertraut gewordenen Wänden der Südseite. Er war unser raunender Begleiter, als wir nun zum ersten Male in “unserer” Wand hochstiegen. Ruhig und sicher ging es – das ewig reizvolle Spiel in steilem Fels. Wir kamen bis knapp unter eine senkrechte, glatte, zirka 40 Meter hohe Verschneidung, welche wohl den Schlüssel zur Wand bildete. Voll freudiger Ahnung stiegen wir von hier aus wieder in die Tiefe, denn das Problem war zu lösen. Mehr wollten wir für heute nicht.

7. Juli 1951. – Tief unter uns funkeln die Lichter von Pflersch. Schweigend sitzen wir an einer Wegkehre. Wir sind bedrückt, denn erstens denkt jeder von uns an die riesigen Dächer in der Wandmitte und zweitens haben wir nur zwei Tage Zeit, dann ist unsere Chance dahin, und das kam so: Manfred Bachmann, mein erfolgreicherer Konkurrent aus dem Hechenbergpfeiler, hatte Wind von unserem Vorhaben bekommen, und hier seine Worte: “Du warst im Hechenberg mir gegenüber fair! Ich bin es jetzt. Ihr macht einen Versuch, wann ihr wollt und über so viel Tage ihr wollt. Kommt ihr durch, so habt ihr meinen Glückwunsch, wenn nicht, so bin ich an der Reihe. Geht’s bei mir nicht, so seid ihr wieder dran.” Voila!, das Wort eines Sportsmannes, und nun saßen wir hier und waren gar nicht glücklich.

Es ist halb zwei Uhr nachts, als wir vom See Wasser holen und kochen. Dann legen wir uns für zwei Stunden zur Ruhe. Um 4 Uhr treten wir hinaus in die Dämmerung, schwer bepackt und mit bangem Herzen. Wir fühlen uns sehr allein. Hubert tritt vom Bergschrund hinüber in den splittrigen Fels der Einstiegslängen. Es folgt die Rampe, und an ihrem Ende betreten wir Neuland. Über ein plattiges Schild erreichen wir den Beginn der Verschneidung. Dort steckt heute noch unser selbstgeschmiedeter Standhaken.

Nun wird es Ernst. Senkrecht ziehen die beiden Plattentafeln zur Höhe. Die nun folgenden 20 Meter sind schwer und ohne Holzkeile gefährlich, da kaum eine Sicherungsmöglichkeit besteht. Dann wird die Verschneidung griffiger und ein wenig geneigt, und es gelingt, nach rechts hinauszuqueren, wo wir auf einem luftigen Pfeilerkopf Rast machen. Das Essen will allerdings nicht recht schmecken, denn über uns hängt noch ein Dutzend Fragen, die gelöst sein wollen. Wieder läuft das Seil. Hubert steigt über den steilen, gut gestuften Fels, der uns von der riesigen Verschneidung in der Wandmitte trennt. Noch ehe das Seil abgelaufen ist, höre ich ihn schon rufen: “Pfundig! Toll! – Das Riesendach geht, die nächsten Seillängen sind zu machen!” Alle Spannung fällt von mir ab. Mich übermannt wieder jenes unnennbare Glück, das in steilen Wänden blüht. Ich hätte all dieses tote, rauhe Gefels umarmen mögen. Die nächsten Seillängen klettern wir in ganz hellem, unberührtem Marmor. Es ist wie ein Wunder! All diese gewaltigen Dächer sind durch einen Kamin gespalten. Die ganze Kletterei ist dadurch derart interessant, dass wir ganz übersehen, dass unser braver Kamin zu Ende ist, als wir uns in einem mächtigen Felshalbrund wiederfinden.

Die Wände darüber sind an ihren gangbaren Stellen vereist. Wir queren links hinaus und kommen durch, hinauf zur großen Terrasse – unsere Wand liegt hinter uns. Bald darauf stehen wir am Gipfel. Wir machen keine Luftsprünge, umarmen uns nicht, nein, wir geben uns die Hand, sitzen eine Welle schweigend und steigen dann hinab. Wir können das ganze Erlebnis einfach noch nicht verdauen. Da steht eine Wand, ein schönes bergsteigerisches Problem, um das man schon seit Jahren herummunkelt, und nun stellt man sich auf tagelangen härtesten Kampf ein. Stattdessen steht man am Nachmittag am Gipfel nach schöner Kletterei, ohne Seilzug und künstliche Hilfsmittel, es ist einfach nicht zu fassen.

Es geht gegen Abend, als wir wieder zur Hütte kommen. Da springt plötzlich eine Gestalt hinter einem Block hervor. Es ist Ernst, unser Dritter im Bunde, Ernst, der Treue! Wir werden bewirtet, und nun erst mit der geistigen Wiederholung überwältigt uns das heutige Erlebnis, und namenlose Freude steigt in uns auf.

Intermezzo. Wir sitzen zu dritt an einem Tisch vor unserem lieben Hüttlein. Wir blättern im Hüttenbuch, und aus jeder unserer Eintragungen steigt der Hauch der Erinnerungen – jenes “Weißt du noch?”. Der Schauplatz all dieser Glückseligkeiten, jene schnurgerade Kette ragender Wände steht uns gerade gegenüber in der sinkenden Sonne. Wir beide, Herbert und ich, haben heute Martin kennen gelernt, jenen Martin, der die bezaubernde Eigenschaft hatte, seine Freude an allem Schönen sofort auf den zu übertragen, der das Glück hatte, ein Stück Erdenweg mit ihm zu gehen. Heute waren wir drei auf dem Goldkappl-Westgrat. Alles zusammen Grund genug zur Feier. Wir sitzen bei Wein und Gesang. Längst schon stehen die Sterne über uns. Wie ein riesenhafter Torwächter steht draußen am Eingang des Hochtales der Pflerscher. Lau ist die Nacht, und wir fühlen uns in diesem dunklen Felsengrund unsagbar geborgen, denn all diese Berge und Wiesen, die Lichter im Tal und die Sterne darüber sind Heimat! Am anderen Tage durchsteigen Herbert und ich die Südwand des Mühlsteigerturmes auf neuem Wege. Ein schöner Gang, ein harter Kampf in einem zerfressenen, überhängenden Riss und eine neue Perle in der Kette der Erinnerungen.

Der Südostgrat. Wenn man von Pflersch über die steilen Wiesen hinaufsteigt zum Fuße des vom Pflerscher Tribulaun herabziehenden Südostgrates, so berührt man auf halbem Wege eine Gruppe kleiner rostbrauner Stadel. Hier sitzen wir schweigend unter den Sternen. Um uns der Duft von frischem Heu, weit unten die Lichter und über uns die tiefblaue Kulisse der Tribulaune. Leuchtkäfer in den Gräsern und ein lauer Wind – Juni. Und dann der Mond; – Silberne Gletscher und Felsen und unwirklich wie ein schöner Traum über uns die morgige Himmelsleiter, schmal und scharf zwischen Mondlicht und Nacht der endlos lange Südostgrat.

Am anderen Morgen. Ein brüchiger Kamin gibt den Auftakt, dann aber folgt bräunlicher, fester Dolomit. Selbstverständliches rasches Höhersteigen scharf rechts der Kante und dann nach vielen Seillängen die Kante selbst. Noch nie bei meinen Bergfahrten war die Illusion des Schwebens, des Halt- und Bodenlosen so vollkommen wie hier. Aus leichtem Gelände komme ich unmittelbar auf die Schneide, die sich hier wie eine Wächte über die gelbrote Ostgipfel-Südwand hinausbäumt. Mir nimmt es tatsächlich die Luft weg. Ich trete einen Schritt zurück und schlage einen Haken, einen richtigen Angsthaken, ehe ich mich wieder an den Abgrund wage. Erschreckend und erbarmungslos schießt hier der Fels hinab zum winzig kleinen Weg am Wandfuß, und die maßlos steilen Wiesen darunter wirken flach wie ein Tennisplatz. Als dann noch Hubert 20 Meter über mir auf der Gratschneide steht und das Seil in weitem Bogen über dem grausigen Abgrund hängt, da ist die Illusion des Schwebens vollkommen. Hier ist nur noch Luft, Höhe und Tiefe. 59mal gingen wir das volle Seil aus, dann standen wir im Schneetreiben am Ostgipfel. Wir waren laut Gipfelbuch seit 10 Jahren die ersten Gäste hier heroben.

Im Regen steigen wir hinab zu unserem Stadel, in welchem sich mittlerweile Besuch eingefunden hat, Zwei reizende Damen sind hier und bitten uns, sie über den rutschigen Weg nach Pflersch zu geleiten, welche Bitte wir auch mit Freuden annehmen. Es war ein eigenartiger Talmarsch. Vorne jeweils einer von uns beiden, möglichst wuchtig und gemessenen Schrittes, gleichsam das Urbild des berühmten sturen Bockes. Hintendran ein mächtiger Rucksack, und an diesem hing die zu Tal treibende Kraft in Form des Ewigweiblichen. Weiter unten wurde das Bild aber immer heiterer. Wir führten unsere Schützlinge Arm in Arm. Meine Holde entpuppte sich als Mutti von Huberts Turteltäubchen, was mich vorerst der Sprache beraubte. Drehten wir beide uns um, so sahen wir ein Bild von vollendeter Anmut und Grazie. Hubert führte das hübsche Töchterchen am Händchen und ihre Gesichter glänzten vor eitel Wonne und Seligkeit. Sie hob bei jedem Absatz ihr Röckchen gleich den Damen der Rokokozeit, und dabei war die Wiese so steil.

Ein halber Liter Wein vermag allerhand anzurichten. Wir fühlten uns wie die Ritter, mächtig, stolz und aufgeblasen, vor dem Gasthof Pfarrhaus, und so kam es, dass wir unsere armen Fahrräder als kleine Omnibusse betrachteten und unsere Damen aufluden. Mutti saß auf Huberts Vehikel, und das Töchterlein klammerte sich angstvoll an mich. Die Sonne lachte, der Bach rauschte und wir fegten die Straße hinaus, dass es seine Art hatte.

Mein Kopf war voll krauser Glückseligkeit und die Welt war so rund und ohne jeden Buckel, der Wein tat seine Schuldigkeit. Von mir aus konnte es ja nun bis Rom so dahingehen, und meine Begleiterin war mit mir einer Meinung, aber wie es halt schon mal ist – bei der Haltestelle Pflersch waren wir mit unseren Rucksäcken wieder allein.

Ausklang. Vergangen sind diese und mit ihnen viele andere Tage in jener Berggruppe. Tage im Sommer und Winter, bei Sonne und Regen. Erinnerung ist der Geruch von Fels, Seil und schmelzendem Schnee, der Duft von Bergblumen und Gräsern. Alles hat sich nun verwandelt. Der schmale Weg, den wir einst mit jener seltsamen Mischung von Scheu und Glück gegangen, ist nun ein Bergweg wie jeder andere. Neben dem traulichen, liebgewordenen Hüttlein steht nun ein widerlicher weißgetünchter Kasten, der an Seilbahnstation, Geschrei und Trubel erinnert. Alles ist kleiner und realer geworden, da sich unsere Einstellung zu den Dingen geändert hat. Nur selten noch steht ein Stück der Illusion jener verklungenen Bergtage vor mir. Man wird älter und fließend bekommt alles sein anderes Maß! Man sieht sachlicher, vielleicht wahrer? Jedenfalls ohne jede romantische Übersteigerung, wie sie nur der Jugend zu eigen ist.

Und dennoch. – Jedes Ding im Leben hat eben jenen Wert, den du und nur du ihm gibst, und deshalb gehört der Zauber dieser Jugendtage am Berg zu unserem unverlierbaren, zu unserem wahren Reichtum.

Westliche-Zinne Nordwand – Schweizerweg 2.Begehung
von Robert Troier

Westliche-Zinne NordwandSpitz, mein bester Kamerad auf schweren und schwersten Bergfahrten, musste nach Hause. Ich war nun allein und machte mich auf die Suche nach einem Tourenpartner. Das Glück war mir hold, denn ich lernte in dem jungen deutschen Bergsteiger Peter Blattmann einen feinen Kameraden und ausgezeichneten Kletterer kennen (Einige Tage vorher durchstieg er in nur zwei Tagen den “Jean-Couzy-Gedächtnisweg”).

Wir kamen vorerst ins Gespräch und aus diesem kristallisierten sich bald unserer beider Schwäche für den “Schweizerweg” heraus. Es war auch bald beschlossene Sache, dass wir beide am übernächsten Tage diese Tour versuchen würden. Der Tag vor unserem Aufbruch wurde mit dem Vorbereiten der Ausrüstung und dem Studieren der Routenbeschreibung ausgefüllt. Pepi, der Wirt der Zinnenhütte, gab uns unentgeltlich Proviant und Tee mit auf unseren langen Weg und seine Glückwünsche zum Gelingen unseres Vorhabens.

Ja, der Pepi, er kennt die jungen Bergsteiger! Zu viele sind schon zu ihm heraufgekommen, so dass er ihre geheimsten Gedanken versteht. Er weiß über ihre finanziellen Schwächen Bescheid und Bescheid weiß er auch über das Feuer eines jeden. Dieses Feuer, das ihre Wünsche läutert und sie, mit Tatendrang und Freude an der Leistung gepaart, zum hart umkämpften Ziel führt. 26. bis 28. August 1959. 4 Uhr früh. Dunkelheit und die Ungewissheit über das, was uns bevorstand, hemmten unsere Schritte zum Einstieg. Unter der Wand angekommen, schob ich meinen Kopf weit in den Nacken, um mit einem etwas zaghaften Blick vorauszueilen, hinauf zu den Überhängen und Dächern, die uns nun erwarteten. Peter, dessen Auftrieb ihn nicht einen Augenblick zur Ruhe kommen ließ, bereitete alles für den Einstieg vor. Der Rucksack, der mit einem Reserveseil nachgezogen werden musste, bereitete uns Kopfzerbrechen. Er war an die 20 Kilogramm schwer.

SchweizerwegDie erste Seillänge mit einem Eineinhalb-Meter-Dach kann man schon als eine Rosine bezeichnen. Gleich darauf vier Haken in den Fels und hinein ins Sitzbrett. Die darauf folgende Länge war noch eingenagelt, und wir kamen gut weiter. Aber dann kam es anders. Ich schlug vier Haken, ich schlug einen fünften, und als ich in diesen fünften die Steigschlinge einhängte und alsbald darin stand, gingen die vier unteren Stifte wieder heraus; der fünfte hielt auch nur auf Belastung. Dass mir bei solchen Feinheiten” die “Düse” ging, kann man mir glauben, und ich nehme an, auch verzeihen.

Meter um Meter kämpften wir uns in diesem brüchigen Gelände, wo man kaum gute Haken unterbringen konnte, höher und höher. Um 15 Uhr erreichten wir unseren Biwakplatz, der lediglich aus einem vorspringenden Felsen und einer kleinen Leiste bestand. Peter nagelte noch die 15 Meter bis unter das große Dach ein und kam dann wieder zum Stand zurück. Die Nacht war kalt und vor allem unbequem. Aber alles geht vorüber, und ich war froh, als ich am nächsten Morgen vom Sitzbrett steigen konnte. In den nächsten Stunden nahm uns das große Dach in seinen Bann. Hier bekommen Nietzsches Worte im wörtlichen Sinn volle Gültigkeit: “Nicht die Höhe, der Abgrund ist das Fürchterliche.” Aber trotz der unheimlichen Ausgesetztheit waren es die sichersten Meter, die wir in dieser Tour antrafen. Dann ging es wieder los, Holzkeile heraus, Spezialhaken in die Erosionslöcher und ganz, ganz vorsichtig belasten.

Um halb sieben Uhr abends erreichte ich vier Meter unter dem Kasparekbiwak einen kargen Standplatz. Peter kam nach und wollte die vier Meter zum Band vorausgehen. Aber es blieb beim Wollen, denn ein paar Sekunden später sah er sich 40 Meter tiefer im Seil hängen. Und welch ein Wunder – der Cassinhaken, den ich als Sicherung geschlagen hatte, hielt. Die Schmerzen in der linken Hand spürte ich momentan fast gar nicht, denn mich beherrschte nur eine einzige Tatsache: Wir leben. Man muss sich vorstellen, einen 40-Meter-Sturz frei mit den Händen gehalten, und mein Kamerad hatte dazu noch den schweren Rucksack am Rücken.

Meine Hände bluteten fürchterlich, denn zwischen dem 3. und 4. Glied an der linken Hand war das Fleisch bis auf den Knochen weg. Die Fingerspitzen waren offen und ich konnte nichts angreifen. Peter hing 30 Meter unter mir. So mussten wir die zweite Nacht in unseren Sitzbrettern verbringen – und vier Meter über uns der schöne Biwakplatz. Trotz meiner Verletzungen konnte ich mit eigener Kraft weiterklettern. Am Cassinband holten uns zwei Franzosen ein (Michel Vaucher und Gefährte), die über die alte Route heraufkamen. Sie nahmen uns in die Mitte und vereint ging es die letzten Seillängen, die nur mehr leichtes Gelände sind, hinauf. Ein Gewitter überraschte uns beim Abstieg, so dass wir nass bis auf die Haut zur Dreizinnenhütte kamen.

Mit herzlichen Glückwünschen für unsere gelungene Durchsteigung empfing uns Pepi, der Wirt. Und wenn ich heute die Narbe an meiner linken Hand sehe, die mir als bleibendes, sichtbares Andenken an diese zweite Begehung des Schweizerweges in der Westlichen Zinne geblieben ist, dann ziehen an meinem Auge immer wieder die Szenen unseres dreitägigen Kampfes vorüber und erfüllen mich mit stiller Freude, weil sie uns Bergsteigern die Befriedigung unserer Sehnsucht sind und in der Bewährung Höhepunkte des Lebens.

BATURA-MUSTACH-EXPEDITION 1959 – Nordwest-Karakorum, Himalaja
von Hubert Niederegger

Zusammentreffen: Westalpengipfel, in gleißender Sonne am Ziel, Dent Blanche. Dort stehen schon andere, vom gleichen Glück erfüllt. Staunen über ihn, der eben gekommen, den stillen, bescheidenen Bergsteiger Martin Günnel, dem jenes Glück, das vielen unaussprechbar scheint, so leicht von den Lippen fließt wie der Knoten, den er eben von seiner Schulter löst. Menschen verschiedener Länder fanden sich auf diesem Gipfel, versprachen sich begeistert, gemeinsam Großes zu vollbringen, drüben im Land der Sehnsucht aller Bergsteiger, im Himalaja.

Martin GünnelSo kam es, dass Martin Günnel zur englischen Karakorum-Expedition eingeladen wurde. Diese erhielt die Unterstützung der englischen Royal-Himalaja-Stiftung, der Geographical Society sowie großer britischer Chemiefirmen. Die Expedition wurde hervorragend ausgerüstet. Die Teilnehmer waren: Dr. Keith Warbuton, Leiter der Expedition, Richard Knight, Harry Stephenson, der Gletscherforscher John Edwards und die beiden deutschen Teilnehmer Martin Günnel und Albert Hirschbichler. Im April 1959 war es soweit. Nach einer dreiwöchigen Schiffsreise von Liverpool nach Karachi landete die Expedition wohlbehalten in Pakistan.

Seereise: An Bord. Die Kisten unter Deck. Hinaus ins weite Meer. Ist´s nicht wie jener Schritt, den man vom Kar in die steile Wand tut? Ist´s nicht wie jener Blick, der zurückschaut zum sicheren Boden, zum Land. Es ist so, die Bergsteiger sind gewöhnt daran. Sind doch jene Augenblicke des Abenteuers reinste Würze. Vergessen dann, was schon weit hinter ihnen liegt. Mit Menschen zusammen auf einer langen Reise. Man kommt sich näher, entdeckt gemeinsame Freuden oder geht aneinander vorbei. An Bord spürt man schon etwas von dem wunderlichen Land, das dort am Ende dieser Reise liegt. Eine Inderin, ein Mädchen von verschwenderischer Schönheit, erzählt von ihrer Heimat. Dann ist das Land in Sicht, fast zu früh kam es mit einemmal, das lang ersehnte. Ist es doch zugleich Abschied von jener bezaubernden Macht, die sich wie Blei ins Herz legt.

In Rawalpindi mussten die Männer infolge schlechten Flugwetters 18 Tage, bestens aufgehoben, im parkumgebenen Heim eines englischen Kolonialobersten, Eric Goodwin, verharren, ehe sie den Flug nach Gilgit antreten konnten. Von dort begleitete die Gruppe ein pakistanischer Kontrolloffizier, da die Baturagruppe politisches Sperrgebiet ist. Mit einem Jeeptreck ging’s ins Hunzagebiet, bis zum drittgrößten Gletscher der Welt, dem Baturagletscher.

Anmarsch: Gilgit, Baltit, Hunzatal, Passu. Uralter Karawanenweg hinüber nach China. Wilde düstere Schluchten, phantastisch kühn angelegter Höhenweg, herausragend über den Abgrund. Welch Land, welch andere Menschen. Geheimnisvolle Vergangenheit liegt über diesem höchsten Teil der Erde, zu dessen Füßen die Wiege der Menschheit gelegen ist. Wo der Blick hinfällt, strahlt es einem entgegen, erfüllt einen mit Glück, Staunen und unruhigem Ahnen. Hinter diesem langen beschwerlichen Weg aber stehen sie, unsichtbar noch, gigantische Eisbrüche und schneebedeckte Felskolosse, die weit in den Himmel ragen. Vier Tagesmärsche noch . . . Am 2. Juni erreichte die Expedition mit 60 Kulis und zweieinhalb Tonnen Gepäck das Hauptlager am Baturagletscher (in zirka 3350 Meter).

Am Berg: Steinerne Hütten, bärtige Gesichter, warmes Lagerfeuer am Fuße des Batura. Morgen schleppen sie Lasten über das gewaltige Labyrinth des Eisbruches hinauf. Zeltbahnen werden knattern im eisigen Wind, Lager im Schnee, das letzte Grün dort unten im Moränental, verlassen. Höher, immer höher, bis sie in der weißen Wüste hinter heiteren Wolken verschwinden, die dann in wilder Sturmgewalt brausen werden.

Den Weitertransport bis Lager III (5600m) durch den wildzerklüfteten Eisfall mussten die Expeditionsmitglieder allein durchführen, da die drei pakistanischen Hochträger bereits im Hauptlager aufgaben und die Expedition im Stich ließen. Am 23. Juni trennten sich Edwards und der junge Sohn des höchstens pakistanischen Richters, der sich der Mannschaft freiwillig angeschlossen hatte, von den fünf Bergsteigern, denen sie bis Lager III Trägerdienste geleistet hatten, und kehrten ins Hauptlager zurück. Die Gipfelmannschaft wollte, wenn das Wetter gut bliebe, noch drei Lager errichten und so, ganz auf sich allein gestellt, ohne Rückendeckung den Baturagipfel angehen und nach rund zweieinhalb Wochen wieder ins Hauptlager zurückkehren. Das war das Letzte von ihnen. Am 29. Juni beobachtete ein pakistanischer Jäger mit seinem Fernglas, wie sich zwei Männer langsam, aber stetig dem Gipfel des Batura Peak näherten. Das gute Wetter hielt noch mehrere Tage an, und so ist anzunehmen, dass sie den Gipfel bezwungen haben.

Vom 2. bis 5. Juli wütete dann das schlimmste Unwetter, an das sich die Bewohner dieser Gegend erinnern können. Dann blieb das Wetter bis zum 19. Juli, an dem wieder Niederschläge einsetzten, schön. Vergeblich wartete Edwards unten auf ein Lebenszeichen. So eilte er am 27. Juli in größter Sorge nach Passu und rief von dort den Hunzafürsten in Baltit um Hilfe an. Die deutsche Karakorum-Expedition konnte nach vielen Schwierigkeiten dann wohl zum Batura kommen, doch war es für sie durch die stark verschlechterten Verhältnisse am Eisbruch aussichtslos, hier noch Hilfe zu bringen. Beim Hauptlager errichteten sie ein Birkenkreuz, das an die fünf verschollenen Männer erinnert.

Ausklang: Wie leuchten sie wieder, die herrlichen Eisriesen ohnegleichen, von feinen silbernen Wolken umwoben, letzter Staub vom tobenden Sturm. Wie schön . . . und doch der Tod dort oben war erbarmungslos. Wir können nur ahnen, was gestern hinter schwarzen Wolken geschah. Ein Kampf im uferlosen Schnee und drohendem Eis. Wo sie das höchste Glück immer wieder gefunden, wo es sie stärker als andere Mächte der Welt hinzog, dort sind sie nun geblieben.

Nur einige fragen, warum.

DENT BLANCHE 4364m – Erinnerung an Herbert Herdina, unserem langjährigen Vorstand
von Ignaz Ertl

Herbert Herdina und meine Wenigkeit stiegen ziemlich aufgepackt von Zermatt über Zmutt zur Schönbühlhütte. Es war ein Weg, der am Fuße der Walliser Riesen über blumenreiche Matten, neben verwitterten Hütten und munteren Gebirgsbächen zur Höhe führte. Man brauchte nur zu schauen und himmelragend stand das Matterhorn da. Dieses Wegstück war für uns Grund genug, nur zu schauen und auf die drückende Last nicht zu achten. Auf einem grünen Rasenfleck stand die Schönbühlhütte. Nicht weit davon schlugen wir unser Zelt auf 2800 Meter auf. Nach den Vorbereitungen saßen wir im Freien und freuten uns an dem vergehenden Sonntag. Blau und blassgrün schimmerten die Eiswülste in der Dent-Herrens-Nordwand. In kühnem Schwung zieht die Firnschneide des Zmuttgrates zu dem felsigen Aufbau des Matterhorns. Drüben, am Monte Rosa, breitete die untergehende Sonne einen Purpurmantel über die gewaltigen Gletscher. Still und glücklich genießt man diese Erhabenheit und Größe. Ober dem Matterhorn funkelten schon die ersten Sterne, als wir in unser kleines Heim schlüpften.

Bitter kalt war es. Wir fanden keinen Schlaf. Um 2 Uhr wurde es in der Hütte lebendig. Bald verließen die ersten Partien die Hütte. Für uns war es ein Opfer, ohne Schlaf aus den paar Decken zu schlüpfen. Es ging; die Schule des Bergsteigers ist hart, aber lohnend. Wir krochen aus dem Zelt und zogen los. Ein langer, ermüdender, überaus harter Moränenrücken führte zu den Felsen der Wandfluh. Steigspuren folgend, kamen wir in gut gangbaren Felsgelände auf den Gratrücken der Wandfluh, wo jetzt eine Klubhütte die Besteigung wesentlich erleichtert. Nun erst kommt einem zum Bewusstsein, dass die Dent Blanche zu den gewaltigsten und schwierigsten Bergen des Wallis zählt. Es gibt keinen leichten Anstieg. Seillänge um Seillänge ringen wir dem Grate ab, dann kommen die so genannten Türme. Mit Begeisterung klettere ich darüber hinweg, so dass Herbert manchmal sagte: “Naz, du bist a Hund!”

Die Flanken wurden steiler, der Gipfel rückte näher. Ein Schneegrat war noch das letzte Bollwerk, dann schlugen zwei Bergsteigerherzen in höchster Freude auf dem stolzen Berge. Kaum kann das Auge erfassen, was so ein Bergriese dem Bergsteiger als Belohnung schenkt. Es ist ein Bergrelief von einer ungeheuren Weite, Schönheit und Mannigfaltigkeit, das nirgends ein Gegenstück hat. In unmittelbarer Nähe der Kranz der schönsten Alpengipfel. Beim Abstieg querten wir in die Westflanke. Die Traversierung war zeitraubend und mahnte durch steile Eisrinnen zu großer Vorsicht. Froh, wieder am Grat zu sein, ging es nun doch schneller, und bei der Wandfluh wussten wir, dass das Seil seinen Dienst getan hatte. Der Wandfluhabbruch lag bald hinter uns, aber die lange Moräne ging in die Beine.

So waren wir wirklich froh, nach 16 Stunden wieder unser kleines Zelt zu sehen. Wieder war ein Abend wie gestern, aber mit dem Gefühl der Entspannung, der innerlichen Befriedigung und einer stillen Freude über die gelungene Bergfahrt. Zwei Gipfelstürmer saßen vor ihrem Zelt in echter Bergkameradschaft und entlockten dem Kocher, was zum Tag passte. Es drängte heute nicht. Am nächsten Tag wollen wir über den Col Tuand zur Mountethütte und danach auf das Zinal-Rothorn. In dieser Zeltnacht wird uns niemand stören, kein Rauschen der Gletscherbäche, kein Krachen der Eisblöcke in der Nordwand der Dent Herrens, kein Aufbrechen der Partien, auch keine Kälte. Müdigkeit und entbehrter Schlaf sorgten für eine lange, stärkende Nachtruhe.

50 Jahre alpine Gesellschaft Gipfelstürmer
von Ignaz Ertl

Wenn eine alpine Gesellschaft ihr 50jähriges Gründungsfest feiern kann, hat sie den Beweis erbracht, dass sie in fünf Jahrzehnten, die an weltbewegenden Ereignissen überreich waren, eine Gemeinschaft war, die sich immer wieder nach den Drangzeiten zu neuem Leben aufraffte. Selbst in Innsbruck, der Stadt der Bergsteiger, sind solche Feste nicht alltäglich. Nur Vereinstreue und Kameradschaft ermöglichten es, den 50jährigen Bestand zu erleben. jetzt zeigt es sich, dass die Gründung vor 50 Jahren kein Fehlschlag war und der Alpinismus immer im Vordergrund unseres Strebens stand.

Für uns Gipfelstürmer ist diese 50. Wiederkehr der Gründungsfeier ein wahres Fest der Freude, alle vergangenen Feste münden in das große Treffen, an dem bestimmt auch viele unserer Freunde und Bergsteiger Tirols teilnehmen werden. Es soll ein Fest werden, bei dem die Bergsteiger fühlen, dass sie einer großen Familie angehören und ein Ideal haben, Freude an ihrer Bergheimat, Freude am Ringen um die stolzen Gipfel.

Blicken wir in die Vergangenheit. Unter den Bergsteigern vor dem ersten Weltkrieg sieht man eine Gestalt, untersetzt, mit unbändiger Energie und gewaltigem Tatendrang, Konrad Schuster. Er sieht, wie Sonntag um Sonntag junge Burschen in die Berge ziehen, mit lachenden Augen und voller Übermut. Auf den Gipfeln lassen sie eine weiße Fahne flattern. Auf dieser Fahne stand schon der Name des Vereins. Schuster war zu dieser Gruppe gestoßen, wurde nun die treibende Kraft zu schwierigen Touren. Dieser Umstand führte zur weiteren Verstärkung der Gruppe und war Anlass, im Jahre 1911 zur Gründung der Alpinen Gesellschaft Gipfelstürmer zu schreiten. Es war klar, dass als Vorstand kein anderer als Konrad Schuster in Betracht kam. Es war ein guter Griff. Er brachte Leben unter die Mitglieder, spornte sie immer wieder zu alpiner Tätigkeit an, ließ sie zur Schulung in schwerem Fels voraus und prüfte sorgsam alle Sicherheitsvorkehrungen. Er selbst trug sich schon mit kühneren Problemen. Es gelang ihm mit Aichner und Netzer die erste Ersteigung der Riepen-Nordwestwand, die damals in alpinen Kreisen große Beachtung fand. Nicht lange dauerte es, da wurde auch die Pflerscher-Tribulaun-Nordwand durchstiegen. Mit diesen Taten wurden die Gipfelstürmer mit einem Schlage in der Öffentlichkeit bekannt. Auch die anderen Mitglieder waren immer unterwegs, die alpine Tätigkeit lief auf vollen Touren. Das waren die ersten Jahre im Zeichen der stürmenden Jugend. Die Probejahre waren überstanden, und Konrad Schuster hatte ein Fundament geschaffen, das nie ins Wanken kam.

Zwischen dieser ersten Zeit und heute liegen viele, viele Jahre. Bergsteiger sind gesund und kräftig, so war es kein Wunder, dass im ersten Weltkrieg fast alle Mitglieder einrückten. Als dieses vieljährige schwere Ringen vorüber war, wartete man vergebens auf die Rückkehr etlicher lieber Mitglieder. Ausgelöscht wurde das Leben dieser jungen, frohen Bergsteiger, die fern ihrer geliebten Heimat in fremder Erde ruhen. Unser verstorbenes Mitglied Karl Freunthaller war es, der mit viel Idealismus die Gesellschaft über diese Jahre hinwegbrachte, so gut es ging. Nun war Konrad Schuster wieder Vorstand und Seele des Vereins. Zuströmende Jugend sprang in die entstandenen Lücken, mit Hannes Schmidhuber, Hermann Buhl und Kuno Rainer hatte der Verein ein Trio, das die alpine Tätigkeit auf volle Touren brachte. Die Berichte dieser Jahre weisen Erstersteigungen, zahlreiche schwerste Touren und viele andere Bergfahrten auf. Eine neue Periode der Gipfelstürmer war angebrochen, und die alpine Tätigkeit stieg Jahr für Jahr, das Vereinsleben festigte sich und ein richtiger Anschluss an die ersten Jahre wurde gefunden.

Aber auch diese Periode wurde grausam gestoppt. Noch verheerender als der erste wirkte der zweite Krieg in der ganzen Welt. Überall Schmerz und Trauer, unersetzliche Verluste. Alpine Vereine mussten deshalb ihre Tätigkeit einstellen und hörten auf zu existieren. Was war mit den Gipfelstürmern? Eine lange Zeit schien es, als würde die Aufbauarbeit der vergangenen Jahre in Brüche gehen. Konrad Schuster war gesundheitlich nicht auf der Höhe und fehlte an allen Ecken und Enden. So war es Toni Plattner, der sich zur Verfügung stellte. Das Vereinsleben nahm wieder gewohnte Formen an. Plattners Vielseitigkeit in der Gestaltung vieler Abende führte eine neue Zeit für die Gesellschaft herauf. Vorstände wechselten nun öfters, aber jeder tat sein Bestes. Die alpine Tätigkeit lebte neuerlich auf und erreichte im Laufe der vergangenen Jahre eine beachtliche Form.

Seit dem Bestehen der Gesellschaft waren unsere Mitglieder beim Bergrettungsdienst. Fünf grüne Ehrenkreuze für die Rettung aus Bergnot wurden an Gipfelstürmer verliehen. Jahrelang wurden Touren für den Alpenverein geführt, Wege neu markiert und ausgebessert. So stellten sich die Gipfelstürmer auch für die Allgemeinheit zur Verfügung. In einer langen Reihe ziehen die vielen frohen und gemütlichen Stunden an uns vorüber, die in den zahlreichen Julfeiern und Gründungsfesten im engsten Kreise verbracht wurden. Es waren glückliche Stunden, frei von jeder Hemmung und in ungezügelter Fröhlichkeit. Auch das Schirennen zählte zu den ständigen Veranstaltungen der Gesellschaft, die alljährliche Prüfung, wer Vereinsmeister wird. Es ist nie leicht, den Titel zu erringen, es sind viele gute Fahrer am Start. Die feuchtfröhliche Siegerehrung ist dann immer ein lustiger, kameradschaftlicher Abschluss.

Einen erfreulichen Aufschwung nahm das Vereinsleben durch Lesungen alpiner Aufsätze, Vorträge und Vorführungen zahlreicher Farbbilder, welche die einmaligen Leistungen unserer Besten zeigten. Eines können wir mit Stolz sagen: Das 50. Gründungsfest steht im Zeichen der Jugend. Sie kam von selbst, ungezwungen fand sie den Weg zu uns. Junge Menschen, die tollkühn und unerschrocken an jedes alpine Problem herangehen. Dass es in ihren Seelen kocht, lässt sich denken, und so wirbeln sie auch das Vereinsleben günstig durcheinander.

Inmitten dieser schäumenden Jugend stehen noch vier Mitglieder der Gründungszeit. Ein gütiges Geschick ließ sie alle alpinen Gefahren, Kriege und Krankheiten überstehen. Nun können sie das Jubiläum der Gipfelstürmer noch miterleben. Von ihrer Jugend, die in weiter Ferne liegt, bis zum heutigen Tag waren sie treue Mitglieder. Die Liebe zu den stolzen Bergen ihrer schönen Heimat stellen sie allem voran. Ihr ganzes Leben ist im Werdegang der Gipfelstürmer verankert. Die Jugend hat heute das Vereinsgeschehen übernommen. Sie wird in der Treue der Alten ein Vorbild sehen. Man kann getrost sagen: Die Zukunft der Gipfelstürmer ist gesichert. Mit Lust und Freude, moralischer Festigkeit und Verantwortungsgefühl haben junge Mitglieder das Erbe von 1911 angetreten.

So wird der Abend des 50. Gründungsfestes jung und alt für ein paar Stunden in froher Bergkameradschaft beisammen sehen. Die Alten schauen in die Vergangenheit, denken an viele unvergessliche Augenblicke in den Bergen, die Jugend schaut in die Zukunft, wo sie wieder ihr Können an den stolzen Zinnen erproben wird.

Gesamte Festschrift
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